Abstinenz: Bedeutung und was sie im Alltag heißt
auch: abstinent leben · Verzicht · in Abstinenz leben
Abstinenz ist einer der meistgesuchten und zugleich am häufigsten missverstandenen Begriffe der Suchtmedizin. Er beschreibt ein Verhalten, kein Befinden, und er markiert den Anfang einer Behandlung, nicht ihr Ergebnis.
Abstinenz bedeutet den bewussten und dauerhaften Verzicht auf eine Substanz, also auf Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen, je nachdem worum es geht. Sie beschreibt das Verhalten, nicht den inneren Zustand.
Was bedeutet Abstinenz genau?
Abstinenz bedeutet, dauerhaft und bewusst auf eine Substanz zu verzichten, und zwar auch nicht in kleinen Mengen und auch nicht zu besonderen Anlässen. Bei einer Alkoholabhängigkeit heißt das kein Alkohol, bei einer Medikamentenabhängigkeit kein Konsum des betreffenden Wirkstoffs ausserhalb einer ärztlichen Verordnung.
Das Wort kommt vom lateinischen abstinere, was sich enthalten bedeutet. In der Suchtmedizin ist es zunächst eine reine Verhaltensbeschreibung über einen Zeitraum. Wer seit vier Monaten nicht konsumiert hat, ist seit vier Monaten abstinent. Über das Verlangen, die Stimmung oder die Stabilität dieser Person sagt der Begriff nichts.
Diese Trennung ist der Grund, warum in der Selbsthilfe zusätzlich von trockener und von zufriedener Abstinenz gesprochen wird. Beides sind keine medizinischen Diagnosen, aber sie halten einen Unterschied fest, den Betroffene sehr deutlich spüren.
Abstinenz ist der Anfang, nicht das Ziel
Der häufigste Irrtum ist, Abstinenz mit Genesung gleichzusetzen. Wer aufhört zu konsumieren, hat die Substanz aus dem Körper. Die Gründe, die zum Konsum geführt haben, sind damit unverändert vorhanden.
Der Verzicht schafft die Voraussetzung dafür, dass alles andere überhaupt wirken kann. Ein Nervensystem, das ständig zwischen Rausch und Entzug pendelt, kann Psychotherapie schlecht verwerten. Erst die Pause macht den Kopf frei genug für die eigentliche Arbeit, also für neue Bewältigungsstrategien, für Beziehungen und für den Umgang mit Belastungen ohne Betäubung.
Praktisch heißt das: Abstinenz allein ist eine fragile Konstruktion. Sie trägt, solange nichts Größeres passiert, und gerät unter Druck genau dann ins Wanken, wenn sie am nötigsten wäre.
Abstinenz oder Konsumreduktion?
Bei einer diagnostizierten Abhängigkeit ist Abstinenz das übliche Behandlungsziel. Daneben gibt es die Konsumreduktion, also das Ziel, weniger und kontrollierter zu konsumieren.
Die Reduktion ist vor allem dort sinnvoll, wo jemand eine vollständige Abstinenz zunächst nicht anstrebt oder nicht erreichen kann. Sie ist dann ein Zwischenziel, das den Kontakt zur Behandlung hält, statt ihn abreißen zu lassen. Für viele Menschen mit einer ausgeprägten Abhängigkeit ist ein kontrollierter Konsum auf Dauer allerdings schwer stabil zu halten. Wie tragfähig dieses Ziel ist, hängt zudem von der Substanz ab.
Welches Ziel im Einzelfall das richtige ist, gehört in ein ärztliches oder therapeutisches Gespräch und lässt sich nicht anhand einer Konsummenge entscheiden.
Wie lange dauert es, bis es leichter wird?
Darauf gibt es zwei Antworten, und wer nur die erste kennt, erlebt die zweite Phase leicht als Rückschlag.
Die akuten körperlichen Beschwerden des Entzugs lassen bei den meisten Menschen nach etwa vier bis sieben Tagen deutlich nach, wobei der genaue Verlauf stark von der Substanz abhängt. Schlaf, Stimmung, Konzentration und Stressbelastbarkeit brauchen dagegen oft Wochen bis Monate, bis sie sich wirklich stabilisieren.
Diese zweite Phase gehört zum normalen Verlauf. Sie fühlt sich nur deshalb wie ein Fehler an, weil kaum jemand darauf vorbereitet wird.
Grober zeitlicher Rahmen
- Tage 1 bis 7: akute Entzugsbeschwerden, ärztlich begleitet
- Wochen 2 bis 6: Schlaf und Stimmung schwanken stark, Suchtdruck tritt in Wellen auf
- Monate 2 bis 6: schrittweise Stabilisierung von Schlaf, Antrieb und Belastbarkeit
- Ab Monat 6: die Alltagsroutinen tragen zunehmend, einzelne Trigger bleiben
Was Abstinenz tatsächlich stützt
Was hilft, ist unspektakulär und genau deshalb wirksam. Regelmäßiger Schlaf, feste Mahlzeiten, Bewegung und Tagesstruktur senken die Grundlast, auf die Suchtdruck aufsetzt. Wer erschöpft und unterzuckert ist, hat weniger entgegenzusetzen.
Dazu kommt die Arbeit an den eigenen Auslösern, ein Plan für den Ernstfall und mindestens ein Mensch, den man anrufen kann, bevor etwas passiert. In der Zeit nach einer stationären Behandlung übernimmt das die Nachsorge.
Für einen Teil der Betroffenen kommt zusätzlich eine medikamentöse Rückfallprophylaxe infrage. Diese Entscheidung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Häufige Fragen
Was bedeutet abstinent leben?
Abstinent leben heißt, dauerhaft nicht zu konsumieren und den Alltag so einzurichten, dass das tragfähig ist. Der Begriff beschreibt das Verhalten, nicht die innere Verfassung. Wie zufrieden jemand dabei lebt, ist eine zweite und unabhängige Frage.
Ist ein Rückfall das Ende der Abstinenz?
Ein einzelner Konsum beendet die Abstinenzphase, aber er beendet weder die Behandlung noch alles bisher Erreichte. Fachlich wird zwischen einem einmaligen Vorfall und einer Rückkehr zum alten Muster unterschieden. Was in den Stunden danach passiert, entscheidet meist darüber, welches von beidem daraus wird.
Muss Abstinenz für immer sein?
Bei einer diagnostizierten Abhängigkeit ist dauerhafte Abstinenz das übliche Ziel, weil die zugrunde liegende Empfindlichkeit bestehen bleibt. In der Praxis ist es meist hilfreicher, in überschaubaren Zeiträumen zu denken als in Lebensspannen.
Was ist der Unterschied zwischen trockener und zufriedener Abstinenz?
Trockene Abstinenz beschreibt einen Zustand, in dem zwar nicht mehr getrunken wird, das Verlangen und die alten Muster aber unverändert bestehen und das Leben angespannt bleibt. Zufriedene Abstinenz meint, dass ein Leben ohne Alkohol tatsächlich als besser erlebt wird. Beides sind Begriffe aus der Selbsthilfe, keine Diagnosen.
Hinweis
Dieses Lexikon dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder eine nahestehende Person betroffen sind, wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle in Ihrer Nähe.
Im Notfall
Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Die Sucht- und Drogenhotline erreichen Sie unter 01806 313 031.
Zwischen den Terminen begleitet
Der Übergang aus der Klinik in den Alltag ist eine besonders belastete Phase der Behandlung. coobi care begleitet Menschen in der Nachsorge im Alltag und gibt dem Behandlungsteam ein Bild davon, wie es zwischen den Sitzungen läuft. Es ersetzt keine Behandlung.