Abhängigkeit
auch: Alkoholabhängigkeit · Suchterkrankung · ICD-11 6C40.2 · ICD-10 F10.2
Abhängigkeit ist eine diagnostizierbare Erkrankung, bei der die Kontrolle über den Konsum verloren geht und der Konsum trotz spürbarer Schäden weitergeht. Sie ist keine Frage von Willensstärke oder Charakter.
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Abhängigkeit in der ICD-11 über drei zentrale Merkmale. Zwei davon müssen erfüllt sein, damit die Diagnose gestellt wird. Kern der Erkrankung ist ein starker innerer Antrieb zu konsumieren, der sich der bewussten Steuerung entzieht.
Die früher gebräuchliche ICD-10 verlangte drei von sechs Kriterien innerhalb von zwölf Monaten. Die ICD-11 hat das vereinfacht und dem Verlangen selbst mehr Gewicht gegeben. Für Betroffene ändert das wenig, für die Einordnung eines Befundes aber schon, weshalb beide Systeme in Arztbriefen noch nebeneinander auftauchen.
Wichtig ist die Abgrenzung nach unten. Riskanter oder schädlicher Konsum ist noch keine Abhängigkeit, kann aber in sie übergehen. Wo genau jemand steht, lässt sich nicht an der Trinkmenge allein ablesen, sondern nur im Gespräch mit einer Ärztin oder einem Therapeuten.
Die drei Merkmale nach ICD-11
- Eingeschränkte Kontrolle über den Konsum, also über Beginn, Menge, Umstände oder Beenden
- Der Konsum bekommt zunehmend Vorrang vor anderen Interessen und Verpflichtungen und wird trotz negativer Folgen fortgesetzt
- Körperliche Merkmale wie Toleranz, Entzugserscheinungen oder erneuter Konsum, um Entzugserscheinungen zu vermeiden
Substanzkonsumstörung
auch: Konsumstörung · Gebrauchsstörung · substanzbezogene Störung · Alkoholkonsumstörung · DSM-5
Die Substanzkonsumstörung ist der fachlich aktuelle Oberbegriff aus dem DSM-5. Sie fasst zusammen, was ältere Systeme in zwei Diagnosen trennten, und beschreibt den Konsum als Kontinuum mit Schweregraden.
Die älteren Diagnosesysteme trennten zwei Kategorien, die damals Missbrauch und Abhängigkeit hiessen. Diese Grenze war in der Praxis schwer zu ziehen und legte nahe, es handle sich um zwei verschiedene Dinge. Das DSM-5 hat beides zu einer Diagnose zusammengeführt und stattdessen Schweregrade eingeführt, die sich nach der Zahl der erfüllten Kriterien richten. Der Ausdruck Missbrauch selbst gilt heute als überholt und negativ besetzt; die ICD und die DHS empfehlen stattdessen schädlicher Gebrauch.
Die ICD-11 geht einen anderen Weg und unterscheidet weiterhin zwischen schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit. Beide Systeme sind in Deutschland in Gebrauch, das DSM-5 vor allem in der Forschung, die ICD in der Versorgung und auf Arztbriefen.
Sprachlich hat der Begriff einen zweiten Vorteil, auf den die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen ausdrücklich hinweist. Er benennt eine Störung und nicht einen Menschen. Formulierungen, die eine Person mit ihrer Erkrankung gleichsetzen, gelten als stigmatisierend, weil sie den Menschen auf die Diagnose reduzieren.
Im Alltag klingt „Substanzkonsumstörung“ für viele zu technisch, und in Selbsthilfegruppen sind andere Begriffe gebräuchlicher. Für eine Diagnose, einen Antrag oder ein Gespräch mit der Klinik ist er der präzise Ausdruck.
Schweregrade im DSM-5
- Leicht: 2 bis 3 der 11 Kriterien innerhalb von zwölf Monaten erfüllt
- Mittel: 4 bis 5 Kriterien
- Schwer: 6 oder mehr Kriterien
Toleranz
auch: Gewöhnung · Toleranzentwicklung
Toleranz beschreibt, dass mit der Zeit eine größere Menge nötig wird, um dieselbe Wirkung zu erreichen. Sie ist ein körperliches Anpassungszeichen und eines der Merkmale einer Abhängigkeit.
Das Nervensystem stellt sich auf die regelmäßige Zufuhr ein und wirkt ihr entgegen. Bei dämpfenden Substanzen wie Alkohol oder Benzodiazepinen reguliert das Gehirn gegen die Dämpfung an. Solange die Substanz im System ist, hält sich das ungefähr die Waage. Fällt sie weg, bleibt die Gegenregulation für eine Weile bestehen, und genau daraus entsteht das Entzugssyndrom.
Toleranz wird von Betroffenen oft als Stärke gelesen, im Sinne von „ich vertrage viel“. Medizinisch ist das Gegenteil der Fall. Hohe Toleranz ist ein Hinweis darauf, dass sich der Körper bereits weitgehend angepasst hat.
Umgekehrt sinkt die Toleranz nach einer längeren Abstinenzphase wieder deutlich. Das ist ein unterschätztes Risiko, weil die früher gewohnte Menge nach einer Pause erheblich stärker wirkt. Bei Opioiden ist dieser Toleranzverlust die häufigste Ursache tödlicher Überdosierungen nach einer Behandlung oder Haft.
Craving
auch: Suchtdruck · Saufdruck · Verlangen · Alkoholverlangen
Craving ist ein starkes, oft plötzlich einsetzendes Verlangen zu konsumieren. Es ist seit dem DSM-5 ein eigenes diagnostisches Kriterium, tritt bei allen Suchtformen auf und gehört zu den am besten belegten Vorboten eines erneuten Konsums.
Craving fühlt sich für viele Menschen wie ein körperlicher Sog an und nicht wie ein Gedanke, den man einfach beiseitelegen kann. Die einflussreichste Erklärung dafür stammt von Robinson und Berridge. Wiederholter Konsum sensibilisiert das Belohnungssystem für alles, was mit der Substanz zu tun hat. Reize, die früher neutral waren, bekommen eine Art Magnetwirkung. Fachlich heißt das Anreizsensibilisierung.
Das erklärt eine Beobachtung, die viele Betroffene irritiert. Das Verlangen kann stark bleiben, auch wenn der Konsum längst keine Freude mehr macht. Wollen und Mögen sind im Gehirn getrennte Vorgänge, und die Sucht verstärkt vor allem das Wollen.
Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry über 237 Studien und rund 51.800 Personen fand, dass ein Anstieg bei Craving und Suchtreizen mit etwa der doppelten Wahrscheinlichkeit für späteren Konsum oder Rückfall einherging. Craving zu erfassen ist deshalb kein Beiwerk der Behandlung, sondern ein zentraler Teil davon.
Praktisch hilfreich ist, dass Craving in Wellen verläuft. Eine einzelne Welle klingt meist nach Minuten wieder ab. Diese Zeit zu überbrücken, statt sie zu bekämpfen, ist die Grundlage der meisten Techniken, die in Therapien vermittelt werden.
Trigger
auch: Auslöser · Suchtreiz · Cue
Ein Trigger ist ein Reiz, der Verlangen auslöst, weil er im Gedächtnis mit dem früheren Konsum verknüpft ist. Er kann äußerlich sein, etwa ein Ort, oder innerlich, etwa ein Gefühl.
Trigger entstehen durch Lernen. Wenn eine Situation und der Konsum oft genug zusammenfallen, reicht später die Situation allein, um die körperliche Reaktion auszulösen. Deshalb kann ein Feierabend, ein bestimmtes Lied oder das Klirren von Gläsern eine Reaktion hervorrufen, lange bevor ein bewusster Gedanke daran auftaucht.
Die schwierigeren Trigger sind meist die inneren. Äußere Auslöser lassen sich eine Weile umgehen, Gefühle nicht. Einsamkeit, Streit, Erschöpfung, Langeweile und auch Freude gehören zu den häufigsten.
Trigger zu kennen ist deshalb ein eigenes Therapieziel. Nicht, um jedem aus dem Weg zu gehen, sondern um vorbereitet zu sein, wenn einer auftritt. Aus dieser Arbeit entsteht in der Regel auch der Notfallplan für den Ernstfall.
Häufige Trigger
- Äußere Auslöser wie Orte, Tageszeiten, Gerüche, Gesellschaft oder Geld am Zahltag
- Innere Auslöser wie Stress, Streit, Einsamkeit, Erschöpfung, Langeweile, Scham
- Positive Auslöser wie Feiern, Erfolg oder Urlaub, die oft übersehen werden
- Körperliche Zustände wie schlechter Schlaf, Hunger oder Schmerz
Entzugssyndrom
auch: Alkoholentzug · Entzugserscheinungen · Entgiftung
Das Entzugssyndrom ist die körperliche und psychische Reaktion darauf, dass eine Substanz wegfällt, an die sich der Körper angepasst hat. Wie es verläuft, hängt stark von der Substanz ab. Die Angaben in diesem Eintrag beziehen sich auf Alkohol.
Typisch sind Zittern, Schwitzen, Unruhe, Übelkeit, Herzrasen, Schlafstörungen sowie Angst und gereizte Stimmung. Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und hängt von Konsumdauer, Menge, früheren Entzügen und Begleiterkrankungen ab.
Die Frage, wann das Schlimmste vorbei ist, lässt sich in zwei Antworten teilen. Die akuten körperlichen Beschwerden lassen bei den meisten Menschen nach etwa vier bis sieben Tagen deutlich nach. Schlaf, Stimmung und Belastbarkeit brauchen dagegen oft Wochen bis Monate, bis sie sich wirklich stabilisieren. Wer nur den ersten Zeitraum erwartet, erlebt die zweite Phase leicht als Rückschlag, obwohl sie zum normalen Verlauf gehört.
Das Entzugssyndrom ist der Grund, warum ein Alkoholentzug ärztlich begleitet gehört. Ein unbehandelter Alkoholentzug kann lebensbedrohlich verlaufen, unter anderem durch Krampfanfälle und das Delirium tremens. Das gilt in ähnlicher Weise für den Entzug von Benzodiazepinen. Welche Behandlungsform infrage kommt, steht unter Entzug.
Zeitlicher Verlauf, grob
- Stunde 6 bis 24: erste Symptome, meist Zittern, Unruhe, Schwitzen, Übelkeit
- Stunde 24 bis 48: Höhepunkt der akuten Symptome, erhöhtes Risiko für Entzugskrampfanfälle
- Stunde 48 bis 72: Zeitfenster, in dem ein Delirium tremens auftreten kann
- Woche 2 bis Monat 6: Schlaf, Stimmung und Stressbelastbarkeit normalisieren sich schrittweise
Delirium tremens
auch: Alkoholdelir · Entzugsdelir
Das Delirium tremens ist die schwerste Form des Alkoholentzugs, mit Verwirrtheit, Desorientierung, Halluzinationen und starker vegetativer Entgleisung. Es ist ein medizinischer Notfall und tritt in dieser Form nur bei Alkohol und verwandten dämpfenden Substanzen auf.
Es tritt typischerweise 48 bis 72 Stunden nach dem letzten Konsum auf, oft nach einem vorausgegangenen Entzugskrampfanfall, und betrifft einen kleineren Teil der Menschen mit ausgeprägter Alkoholabhängigkeit. Der Höhepunkt liegt meist um den vierten Tag.
Ein Delirium tremens kann lebensbedrohlich verlaufen. Eine rechtzeitige Behandlung im Krankenhaus ist der entscheidende Faktor, um dieses Risiko deutlich zu senken. Deshalb gehört ein Entzug, bei dem ein Delir möglich ist, in stationäre Behandlung.
Warnzeichen, bei denen sofort ärztliche Hilfe nötig ist, sind zunehmende Verwirrtheit, Sinnestäuschungen, Fieber, starkes Herzrasen oder ein Krampfanfall.
Rebound-Effekt
auch: Rebound · Gegenschlag
Als Rebound-Effekt bezeichnet man die überschießende Gegenreaktion des Körpers, wenn eine dämpfende Substanz wegfällt. Er tritt bei Alkohol, Benzodiazepinen und anderen Sedativa auf und zeigt sich als Unruhe, Herzrasen, Schlafstörungen und Angst.
Alkohol wirkt kurzfristig angstlösend, weil er dämpfende Botenstoffsysteme verstärkt und erregende hemmt. Das Gehirn gleicht diese Verschiebung aus. Wenn der Alkohol dann abgebaut ist, bleibt die Gegenregulation noch eine Weile aktiv, und das System ist für einige Stunden übererregt.
Genau das erleben viele Menschen am Morgen danach als grundlose Angst, Herzklopfen und innere Unruhe. Der Effekt ist keine Charakterschwäche und auch nicht eingebildet, sondern ein pharmakologisch erklärbarer Vorgang.
Daraus entsteht leicht ein Kreislauf. Wer den Rebound mit erneutem Trinken dämpft, verschafft sich kurzfristig Erleichterung und verstärkt die Schwankung langfristig. Bei wiederholten Entzügen kann die Übererregbarkeit von Mal zu Mal ausgeprägter ausfallen.