Rückfall bei Alkohol: Zahlen, Ursachen und was danach zählt
auch: Rezidiv · Rückfallquote · Vorfall
Ein Rückfall ist in der Suchtmedizin ein Symptom der Erkrankung und kein Scheitern der Behandlung. Er ist häufig genug, dass ein Plan dafür zur Therapie gehört, und was in den ersten Stunden danach passiert, entscheidet oft über den weiteren Verlauf.
Ein Rückfall ist die Rückkehr zum früheren Konsummuster nach einer Phase der Abstinenz. Er ist in der Suchtmedizin ein Symptom der Erkrankung und kein Scheitern der Behandlung, und das gilt für alle Substanzabhängigkeiten.
Vorfall oder Rückfall?
Fachlich wird zwischen einem einmaligen Konsum, oft Vorfall oder Lapse genannt, und der Rückkehr zum alten Konsummuster unterschieden. Diese Trennung ist nicht akademisch, sie hat unmittelbare praktische Folgen.
Wer einen einzelnen Konsum als vollständiges Scheitern bewertet, hat wenig Grund, an diesem Abend noch aufzuhören. Wer ihn als das behandelt, was er ist, nämlich als Zwischenfall mit einer Ursache, kann eingreifen, bevor daraus ein Muster wird.
Die größten Risikofaktoren in dieser Situation sind Scham und Heimlichkeit. Beide führen dazu, dass niemand rechtzeitig davon erfährt.
Wie hoch ist die Rückfallquote wirklich?
Für Deutschland gibt es belastbare Zahlen aus den Katamnesen der Fachkliniken. Im Entlassjahrgang 2014 des Fachverbands Sucht waren nach dem international üblichen Berechnungsstandard DGSS 4 rund 41 Prozent der 11.033 nachbefragten Patientinnen und Patienten ein Jahr nach der Entlassung erfolgreich.
Erfolgreich heißt dabei: durchgehend abstinent oder nach einem oder mehreren Rückfällen wieder mindestens 30 Tage abstinent. Entscheidend ist, wie dieser Standard rechnet. Wer nicht erreicht wurde oder nicht geantwortet hat, zählt als Misserfolg. Die tatsächliche Quote liegt damit eher günstiger als die Zahl vermuten lässt.
Für eine chronische Erkrankung ist eine solche Grössenordnung nicht ungewöhnlich. Auch bei anderen langfristig behandelten Erkrankungen gelingt es einem erheblichen Teil der Patientinnen und Patienten nicht, eine Behandlung dauerhaft wie geplant fortzuführen, ohne dass dort von Versagen gesprochen wird.
Was Rückfälle auslöst
Ein Rückfall beginnt selten mit dem ersten Schluck. Er hat meist einen Vorlauf aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken, und genau dieser Vorlauf ist der Teil, an dem sich arbeiten lässt.
Häufige Auslöser und Vorboten
- Belastende Gefühle wie Streit, Einsamkeit, Kränkung oder Überforderung
- Positive Anlässe wie Feiern, Urlaub oder Erfolg, die oft unterschätzt werden
- Körperliche Zustände wie Schlafmangel, Hunger oder Schmerz
- Der Rückzug aus Terminen, Gruppe und Kontakt, meist Wochen vorher
- Der Gedanke, ein einzelner Konsum sei inzwischen wieder kontrollierbar
Was in den ersten Stunden zählt
Der wichtigste Schritt ist, jemanden einzuweihen. Das ist zugleich der schwerste, weil Scham genau das verhindert. Wer einen Notfallplan hat, muss diese Entscheidung nicht im Zustand größter Anspannung neu treffen. Treten körperliche Entzugserscheinungen auf, gehört ärztliche Hilfe dazu.
Ein brauchbarer Plan steht schriftlich fest, bevor er gebraucht wird, und enthält konkrete Namen und Nummern statt guter Vorsätze. Danach gehört der Vorfall in die Behandlung, nicht als Geständnis, sondern als Information, mit der sich etwas anfangen lässt.
Ein Rückfall ist kein Grund, die Behandlung abzubrechen. Er ist ein Anlass, sie anzupassen.
Für Angehörige
Für Angehörige ist ein Rückfall häufig der Moment, in dem Vertrauen und Geduld gleichzeitig aufgebraucht scheinen. Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen der Person und der Erkrankung, so schwer sie im Einzelfall fällt.
Was hilft, ist ruhig zu benennen, was beobachtet wurde, und auf die Behandlung zu verweisen, statt zu verhandeln oder zu kontrollieren. Auch Angehörige haben Anspruch auf Beratung, und Suchtberatungsstellen sind für sie ebenso zuständig wie für Betroffene.
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Rückfallquote bei Alkohol?
In der Katamnese des Fachverbands Sucht für den Entlassjahrgang 2014 waren nach dem Standard DGSS 4 rund 41 Prozent von 11.033 Nachbefragten ein Jahr nach der Entlassung erfolgreich, also durchgehend abstinent oder nach einem Rückfall wieder mindestens 30 Tage abstinent. Nicht erreichte Personen zählen dabei als Misserfolg.
Ist ein Rückfall ein Scheitern der Therapie?
Nein. In der Suchtmedizin gilt der Rückfall als Symptom der Erkrankung. Er ist ein Anlass, die Behandlung anzupassen, und kein Grund, sie abzubrechen.
Was tun nach einem Rückfall?
Möglichst früh jemanden einweihen, den Konsum beenden statt den Tag abzuschreiben, und den Vorfall in der Behandlung ansprechen. Scham und Heimlichkeit sind die größten Risikofaktoren dafür, dass aus einem einmaligen Konsum ein voller Rückfall wird. Bei körperlichen Entzugserscheinungen gehört ärztliche Hilfe dazu.
Was gehört in einen Notfallplan?
Konkrete Namen und Telefonnummern, die eigenen typischen Auslöser, zwei oder drei Handlungen für die ersten zehn Minuten und die Vereinbarung, wen man in welcher Reihenfolge anruft. Er sollte schriftlich vorliegen, bevor er gebraucht wird.
Hinweis
Dieses Lexikon dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder eine nahestehende Person betroffen sind, wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle in Ihrer Nähe.
Im Notfall
Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Die Sucht- und Drogenhotline erreichen Sie unter 01806 313 031.
Zwischen den Terminen begleitet
Der Übergang aus der Klinik in den Alltag ist eine besonders belastete Phase der Behandlung. coobi care begleitet Menschen in der Nachsorge im Alltag und gibt dem Behandlungsteam ein Bild davon, wie es zwischen den Sitzungen läuft. Es ersetzt keine Behandlung.