Trinkst du manchmal, um mit Niedergeschlagenheit oder innerer Leere zurechtzukommen? Alkohol und Depressionen hängen eng zusammen. Alkohol rückt belastende Gefühle für eine Weile in den Hintergrund. Zugleich kann er depressive Beschwerden verstärken. Darum lohnt sich ein genauer Blick darauf, welche Rolle das Trinken für deine Stimmung spielt.
Besonders eng ist der Zusammenhang, wenn das Trinken zu einer Erkrankung geworden ist. Eine große Übersichtsarbeit hat Studien zu Alkoholkonsumstörungen und Depressionen ausgewertet. Sie zeigt, dass Menschen mit einer Alkoholkonsumstörung häufiger auch eine Depression haben. Umgekehrt treten bei Menschen mit Depressionen häufiger Alkoholkonsumstörungen auf.
Das klingt erst einmal entmutigend. Es steckt aber auch eine gute Nachricht darin. Verursacht Alkohol einen Teil deiner Niedergeschlagenheit, kann sich deine Stimmung bessern, sobald du weniger trinkst oder aufhörst. Oft geht das schneller, als viele erwarten.
Warum Alkohol bei gedrückter Stimmung so verlockend ist
Nach einem zähen Tag wirkt ein Bier manchmal wie der einfachste Weg, um abzuschalten. Grübeln und belastende Gefühle treten mit Alkohol für eine Weile in den Hintergrund. Das fühlt sich wie Erleichterung an und verleitet dazu, in schweren Phasen öfter zum Glas zu greifen.
Aus dieser kurzen Erleichterung entsteht leicht ein Kreislauf:
Dir geht es schlecht. Du fühlst dich leer oder erschöpft.
Alkohol bringt kurz Erleichterung. Der Abend scheint erträglicher, belastende Gedanken werden leiser.
Danach geht es dir möglicherweise noch schlechter. Alkohol kann den Schlaf stören und die Stimmung am nächsten Tag zusätzlich belasten.
Du greifst erneut zum Glas. Um diese Belastung zu lindern, trinkst du wieder. Der Kreislauf beginnt von vorn.
Erkennst du dich darin wieder, ist das schon ein erster Schritt, etwas zu verändern. Dabei helfen dir zum Beispiel deine Hausarztpraxis oder eine Suchtberatungsstelle.
Was war zuerst da, die Depression oder der Alkohol?
Bei manchen Menschen war die Depression lange da, bevor das Trinken zum Problem wurde. Für viele ist Alkohol der Versuch, mit einem kaum auszuhaltenden Gefühl zurechtzukommen. Bei anderen entsteht die gedrückte Stimmung erst durch das regelmäßige Trinken. Fachleute unterscheiden deshalb zwischen einer eigenständigen und einer durch Alkohol ausgelösten Depression.
Forschende halten den Weg vom Alkohol zur Depression für den wahrscheinlicheren. Je stärker Menschen trinken, desto mehr steigt ihr Risiko für eine Depression. Es gibt dagegen wenige Belege dafür, dass eine Depression selbst dazu führt, dass sich eine Alkoholkonsumstörung entwickelt.
Du musst nicht sofort klären, ob die Depression schon vor dem problematischen Trinken da war oder erst dadurch entstanden ist. Diese Frage wird wichtig, wenn es um die passende Behandlung geht. Die Antwort zeigt sich oft erst nach einigen Wochen mit weniger Alkohol.
Was sich ändert, wenn du weniger trinkst oder aufhörst
Während einer Alkoholbehandlung kann sich auch die Stimmung bessern. Eine Studie hat 191 Männer mit Alkoholabhängigkeit während einer stationären Behandlung begleitet. Zu Beginn hatten 42 Prozent deutliche depressive Beschwerden. Nach vier Wochen ohne Alkohol waren es noch 6 Prozent. Am stärksten gingen die Beschwerden in der zweiten Woche zurück. Die Ergebnisse gelten für diese Gruppe und sagen nicht voraus, wie schnell es dir selbst besser geht.
Auch weniger zu trinken hängt mit einer besseren psychischen Gesundheit zusammen. Forschende haben in den USA rund 22.000 Menschen über drei Jahre beobachtet. Menschen, die anfangs sehr viel tranken und ihren Konsum deutlich verringerten, hatten nach drei Jahren seltener eine Depression oder Angststörung. Ob das allein am geringeren Alkoholkonsum lag, kann die Studie allerdings nicht zeigen.
Rausch und Entzug machen es schwer, depressive Beschwerden einzuordnen. Die deutsche Behandlungsleitlinie empfiehlt deshalb, bei Alkoholabhängigkeit erst nach dieser Phase zu beurteilen, ob zusätzlich eine Depression vorliegt und welche Behandlung nötig ist. Mit einem ärztlichen Gespräch musst du darauf nicht warten. Du kannst dir schon jetzt Unterstützung holen.
Bei Alkoholabhängigkeit ist das erste Ziel der Behandlung, ganz auf Alkohol zu verzichten. Wenn das gerade nicht erreichbar ist, empfiehlt die Leitlinie, den Konsum zu verringern, um die gesundheitlichen Schäden zu begrenzen.
Wenn dein Körper an Alkohol gewöhnt ist, können plötzliches Aufhören und auch deutlich weniger Alkohol gefährliche Entzugsbeschwerden auslösen. Trinkst du regelmäßig größere Mengen oder hattest du schon einmal Entzugsbeschwerden, lass dich vorher ärztlich beraten. In der Beratung klärt ihr gemeinsam, wie du den Konsum sicher verändern kannst.
Woran du merkst, dass mehr dahintersteckt
Ein schlechter Tag nach einer langen Nacht bedeutet noch nicht, dass du eine Depression hast. Schau genauer hin, wenn du Folgendes an den meisten Tagen über mindestens zwei Wochen bemerkst:
Die Stimmung bleibt gedrückt. Du fühlst dich einen großen Teil des Tages niedergeschlagen oder innerlich leer.
Du hast kaum noch Freude. Dinge, die dir sonst wichtig sind, interessieren dich weniger. Ein Hobby oder ein Treffen mit Freunden reizt dich kaum noch.
Dir fehlt die Kraft. Schon Einkaufen oder Duschen fällt dir schwer. Du bist schneller erschöpft als sonst.
Ob dahinter eine Depression steckt, kannst du in einem ärztlichen oder psychotherapeutischen Gespräch klären. Hol dir Unterstützung, wenn die Beschwerden anhalten oder deinen Alltag erschweren. Geht es dir sehr schlecht, musst du nicht erst zwei Wochen warten. Wende dich an deine Hausarztpraxis oder direkt an eine psychotherapeutische Praxis. Für eine psychotherapeutische Sprechstunde brauchst du keine Überweisung.
Bei Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid suche umgehend Unterstützung. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym unter 0800 111 0 111 erreichbar. In akuter Gefahr wähl den Notruf 112.
Hilfe für beides zugleich
Wenn du mit einer Depression und einer Alkoholabhängigkeit zu tun hast, sollte die Behandlung beides im Blick haben. Die Behandlungsleitlinie empfiehlt dafür kognitive Verhaltenstherapie und motivierende Gesprächsführung. In der Verhaltenstherapie lernst du, belastende Gedanken und Gewohnheiten zu erkennen und zu verändern. In der motivierenden Gesprächsführung geht es darum, was du selbst an deinem Trinken ändern möchtest und warum. Beides kann helfen, depressive Beschwerden zu lindern und den Umgang mit Alkohol zu verändern.
Bei einer mittelschweren oder schweren Depression empfiehlt die Leitlinie, zusätzlich Medikamente gegen Depressionen anzubieten, sogenannte Antidepressiva. Ob ein solches Medikament für dich passt und welches infrage kommt, besprichst du am besten in deiner ärztlichen Behandlung.
Unterstützung findest du in deiner Hausarztpraxis, einer Suchtberatungsstelle oder einer psychotherapeutischen Praxis. Bist du schon in Behandlung, erzähl dort auch, wie es dir mit deiner Stimmung und dem Trinken geht. Fragen zur Depression und zu Hilfsangeboten beantwortet außerdem das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention unter 0800 3344533.
Ein erster Schritt kann klein sein. Ruf diese Woche in deiner Hausarztpraxis an und sag, dass du über deine Stimmung und dein Trinken sprechen möchtest. Wenn du magst, notiere dir vorher ein paar Beobachtungen, etwa wie du schläfst und wann du häufiger zum Glas greifst. Ob eine Depression vorliegt und welche Rolle Alkohol dabei spielt, klärt ihr gemeinsam in der Behandlung.



