Craving: was Suchtdruck ist und was im Moment hilft
auch: Suchtdruck · Saufdruck · Verlangen · Alkoholverlangen
Craving ist der Fachbegriff für Suchtdruck, also für das plötzliche und oft übermächtige Verlangen zu konsumieren. Seit dem DSM-5 zählt es als eigenes diagnostisches Kriterium und gehört zu den am besten belegten Vorboten eines erneuten Konsums.
Craving ist ein starkes, oft plötzlich einsetzendes Verlangen zu konsumieren. Es ist seit dem DSM-5 ein eigenes diagnostisches Kriterium, tritt bei allen Suchtformen auf und gehört zu den am besten belegten Vorboten eines erneuten Konsums.
Was bedeutet Craving?
Craving kommt aus dem Englischen, von to crave, etwas dringend brauchen. In der Suchtmedizin bezeichnet es ein starkes, meist plötzlich einsetzendes Verlangen nach einer Substanz oder einem Verhalten. Im Deutschen heißt dasselbe Suchtdruck, in der Selbsthilfe auch Saufdruck.
Der Begriff beschreibt keine Charakterschwäche und keinen Willensmangel. Seit dem DSM-5 ist Craving ein eigenständiges diagnostisches Kriterium der Substanzkonsumstörung, steht also gleichberechtigt neben Kontrollverlust und Toleranzentwicklung.
Craving tritt bei allen Suchtformen auf, bei Alkohol ebenso wie bei Medikamenten, Nikotin oder Verhaltenssüchten. Wie stark und wie häufig es auftritt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich.
Warum sich Suchtdruck körperlich anfühlt
Viele Betroffene beschreiben Craving als Sog und nicht als Gedanken, den man beiseitelegen könnte. Die einflussreichste Erklärung dafür stammt von Robinson und Berridge. Wiederholter Konsum sensibilisiert das Belohnungssystem für alles, was mit der Substanz zu tun hat. Reize, die früher neutral waren, ein Glas im Regal, ein bestimmter Ort, eine Uhrzeit, bekommen eine Art Magnetwirkung. Fachlich heißt das Anreizsensibilisierung.
Das erklärt eine Beobachtung, die viele irritiert. Das Verlangen kann stark bleiben, auch wenn der Konsum längst keine Freude mehr macht. Wollen und Mögen sind im Gehirn getrennte Vorgänge, und die Abhängigkeit verstärkt vor allem das Wollen.
Deshalb verschwindet Suchtdruck auch nicht dadurch, dass jemand die Nachteile des Konsums klar erkennt. Einsicht und Verlangen sitzen an verschiedenen Stellen.
Wie sich Craving anfühlt und wie lange es dauert
Craving verläuft in Wellen. Eine einzelne Welle steigt an, erreicht einen Höhepunkt und klingt wieder ab, meist innerhalb weniger Minuten bis etwa einer halben Stunde. Das ist der wichtigste praktische Befund, weil er das Verlangen in etwas Überbrückbares verwandelt.
Typisch sind eine innere Unruhe, ein Engegefühl, kreisende Gedanken und plötzlich sehr überzeugend klingende Argumente für den Konsum. Bei manchen kommen körperliche Zeichen dazu, etwa Herzklopfen oder Schwitzen.
Die Erwartung, das Verlangen müsse mit der Zeit einfach verschwinden, führt oft in die Irre. Es wird bei den meisten Menschen seltener und schwächer, kann aber noch nach Monaten durch einen einzelnen Reiz ausgelöst werden. Das ist kein Rückschritt, sondern der normale Verlauf.
Was bei akutem Suchtdruck hilft
Weil eine Welle zeitlich begrenzt ist, zielen die meisten Techniken darauf, diese Minuten zu überstehen, statt das Verlangen wegzudrücken. Der Versuch, nicht daran zu denken, verstärkt es in der Regel.
Was im Einzelfall trägt, ist sehr individuell. Sinnvoll ist, sich zwei oder drei Dinge vorher zurechtzulegen und sie im Ernstfall abzuarbeiten, statt in dem Moment zu entscheiden.
Was sich in der Praxis bewährt hat
- Die Welle beobachten statt bekämpfen, also wahrnehmen wie sie ansteigt und wieder abfällt
- Den Ort wechseln und den auslösenden Reiz aus dem Blickfeld bringen
- Eine feste Person anrufen, bevor etwas passiert, nicht danach
- Etwas essen und trinken, weil Unterzuckerung und Durst das Verlangen verstärken
- Bewegung, auch kurz, weil sie die körperliche Anspannung senkt
- Den Zeitpunkt notieren, um über Wochen zu sehen wann das Verlangen wiederkehrt
Wann Craving ärztlich behandelt gehört
Eine Metaanalyse in JAMA Psychiatry über 237 Studien und rund 51.800 Personen fand, dass höhere Craving- und Reizwerte mit etwa der doppelten Wahrscheinlichkeit für späteren Konsum einhergingen. Suchtdruck systematisch zu erfassen ist deshalb kein Beiwerk der Behandlung, sondern ein Teil davon.
Für einen Teil der Betroffenen kommt zusätzlich eine medikamentöse Rückfallprophylaxe infrage, im deutschsprachigen Raum als Anti-Craving-Substanzen bezeichnet. Ob das im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Wenn Suchtdruck den Alltag bestimmt, über Wochen nicht nachlässt oder mit Entzugserscheinungen einhergeht, gehört er in ein ärztliches Gespräch und nicht in einen Selbstversuch.
Häufige Fragen
Was bedeutet Craving auf Deutsch?
Craving heißt auf Deutsch Suchtdruck, in der Selbsthilfe auch Saufdruck. Gemeint ist ein starkes, meist plötzlich einsetzendes Verlangen zu konsumieren. Der englische Begriff hat sich in der Fachsprache durchgesetzt, weil er seit dem DSM-5 ein festes diagnostisches Kriterium bezeichnet.
Wie lange dauert ein Craving?
Eine einzelne Welle dauert meist wenige Minuten bis etwa eine halbe Stunde und klingt dann von selbst ab. Über Wochen und Monate werden die Wellen bei den meisten Menschen seltener und schwächer, können aber noch lange durch einen einzelnen Reiz ausgelöst werden.
Was hilft sofort gegen Suchtdruck?
In dem Moment hilft, die Welle zu überbrücken statt sie zu bekämpfen. Den Ort wechseln, den auslösenden Reiz aus dem Blickfeld bringen, jemanden anrufen, etwas essen und trinken. Wer sich zwei oder drei solcher Schritte vorher zurechtlegt, muss im Ernstfall nicht entscheiden, sondern nur abarbeiten.
Ist Craving dasselbe wie eine Gewohnheit?
Nein. Craving ist ein spürbares Verlangen mit einem Anfang und einem Ende, eine Gewohnheit läuft unbemerkt nebenbei ab und fällt oft erst hinterher auf. Beide brauchen unterschiedliche Antworten, weshalb die Unterscheidung im Alltag praktisch wichtig ist.
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Quellen
- Robinson & Berridge (1993), The neural basis of drug craving, Brain Research Reviews
- Vafaie & Kober (2022), Association of Drug Cues and Craving With Drug Use and Relapse, JAMA Psychiatry
- Serre et al. (2015), Ecological momentary assessment in the investigation of craving and substance use in daily life
Hinweis
Dieses Lexikon dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder eine nahestehende Person betroffen sind, wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle in Ihrer Nähe.
Im Notfall
Bei akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Die Sucht- und Drogenhotline erreichen Sie unter 01806 313 031.
Zwischen den Terminen begleitet
Der Übergang aus der Klinik in den Alltag ist eine besonders belastete Phase der Behandlung. coobi care begleitet Menschen in der Nachsorge im Alltag und gibt dem Behandlungsteam ein Bild davon, wie es zwischen den Sitzungen läuft. Es ersetzt keine Behandlung.